• Tempelteich-Modifizierung

    West Bengalen, Indien

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    West Bengalen, Indien

  • Dunkle Weichschildkröte

    Nilssonia nigricans

TEMPELTEICH-MODIFIZIERUNG IN SÜDASIEN

Betroffene Art: Dunkle Weichschildkröte (Nilssonia nigricans)
Ort: Westbengalen, Indien

In Südasien übt die Religion noch einen wesentlich größeren Einfluss auf die Bevölkerung aus als in der westlichen Welt. Während Gesetzgebungen und Regulative nur langsam in das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung einsickern, sind Tradition, Glaube, religiöse Rituale und Anbetung historisch gewachsen und tief in der Seele der Menschen verankert.

Im Hinduismus, Buddhismus und auch im Islam werden in tempelzugehörigen Teichen unterschiedliche Schildkrötenarten ausgesetzt, gefüttert und manchmal auch verehrt und angebetet. Diese Tempelanlagen sind Anlaufzentren für eine breite Bevölkerungsschicht und haben das Potenzial als sichere und wohlbehütete Zufluchtsstätten und Zuchtanlagen für seltene Schildkrötenarten zu fungieren.

In Zusammenarbeit mit Sundance Biology und der Turtle Conservancy hat TURTLE ISLAND in Westbengalen, Indien, bereits mit großem Erfolg einen Tempelteich nach den Bedürfnissen der sagenumwobenen dunklen Weichschildkröte modifiziert. Wir sind gerade dabei, dieses großartige Modell weiter zu verbreiten.

Diese Weichschildkrötenart ist von der IUCN (International Union for Conservation of Nature) noch heute als „extinct in the wild“ aufgelistet.

WISSENSWERTES ÜBER DIE DUNKLE WEICHSCHILDKRÖTE

Als eine große Seltenheit geltend und nur aus den Tanks von Chittagong bekannt, wurde die „semidomestizierte“ Population in Chittagong von M.F. Ahsan und Mitarbeitern eingehend untersucht, ohne dabei die Frage nach ihrem Ursprung zu klären. In ihren Mutmaßungen gehen Ashan und Mitarbeiter sogar soweit, dass diese Art offenbar niemals in einem Wildstadium existiert haben könnte.

In Ermangelung an naturwissenschaftlichen Erklärungen zur Herkunft der Schildkröten in den Tanks von Chittagong werden verschiedene Legenden genannt. Sie geben reichlich Anlass zu Spekulationen. Ahsan und Saeed fassen den historischen Hintergrund rund um das Grabmal Bayazid Bistami zusammen. Eine dieser Legenden besagt, dass Sultan al-Arefin Hazrat Bayazid Bistami aus Bistam im Iran im 9. Jahrhundert n. Chr. den Grundstock dieser Weichschildkröten in Chittagong angesiedelt haben soll. Würde dieser Glaube auf Wahrheit beruhen, so müsste die Weichschildkrötengattung Nilssonia disjunkt verbreitet sein und die „Stammform“ von N. nigricans unerkannt in Kleinasien leben oder noch in historischer Zeit dort gelebt haben.

Heute sind die „heiligen“ Schildkröten von Chittagong nicht nur regional und national bekannt, sondern werden auch international als Touristenattraktion geführt und sind in einschlägigen Reiseführern genannt. Entsprechend groß ist ihre Popularität. Täglich strömt eine große Zahl von Ausflüglern und Pilgern zum Heiligtum.

Ahsan et al. berichten über die beträchtlichen Umsätze von Brot, Bananen und fleischlichen Abfällen, die als Futter für die Weichschildkröten verkauft werden. Es konnten Frauen beobachtet werden, die vom Rückenpanzer der zum Beckenrand kommenden zahmen, großen Tiere, Wasser vom Rückenpanzer abschöpfen und es in der Hoffnung auf zahlreiche Nachkommen trinken.

PROJEKT-INFOS

Peter Praschag berichtet:

Auf einer Erkundungsreise entlang des Brahmaputra im Nordosten Indiens, im Land des Panzernashorns, kam ich bereits 1999 auf die Spur der ersten Dunklen Weichschildkröten, die noch nie in freier Wildbahn nachgewiesen werden konnten. Auf dem Fischmarkt von Tinsukia entdeckte ich zum menschlichen Verzehr angebotene Weichschildkröten, die ich keiner der ortsbekannten Weichschildkrötenarten zuordnen konnte. Wenige Tage danach, als ich den Erzählungen der örtlichen Bevölkerung folgend am Rande des Tempelteiches am Nilachal-Berg, mit dem sagenumwobenen Kamakhya-Tempel stand und die zahmen Schildkröten beobachtete, kam mir die Erkenntnis wie die Ohrfeige zum Blinden, dass es sich um die Dunkle Weichschildkröte handeln musste.

Als eine der 52 verehrten „Pitha“ ist der Kamakhya Tempel bei Gauhati in Assam eine der wichtigsten Pilgerstätten. Als nach hinduistischem Glauben Kalis Brust flussaufwärts niederstürzte und die größte Flussinsel der Welt Majoli schuf, landete ihre Yoni (Vagina) hier in Gauhati und formte den Nilachal Hill. Der Kamakhya-Tempelkomplex ist in erster Linie den Kräften der Schöpfung gewidmet. Hier verehrt man Kali und ihre Yoni als oberstes kreatives Prinzip und lobpreist die überwältigenden sexuellen Fähigkeiten des Gottes Shiva. Tantristen haben sich hier seit Jahrhunderten eingefunden. Der sehr nahegelegene Tempelteich ist Shiva geweiht.

Zweifellos gehören diese so besonders anmutenden Weichschildkrötenan dieser  dem hinduistischen Tantrismus heiligsten Stätte derselben Art an, wie jene aus dem islamischen Tempelteich im südlich gelegenen Chittagong in Bangladesch. Aufgrund von morphologischen und später auch genetischen Untersuchungen konnten wir die Eigenständigkeit der Dunklen Weichschildkröte feststellen und meine Annahme erfolgreich bestätigen. Auf weiteren Reisen entlang des Brahmaputra-Sromes konnte ich – bemerkenswerterweise – Nilssonia nigricans in mehreren Tempelteichen, die fast ausschließlich alle als bedeutende Heiligtümer angesehen werden, nachweisen. Im Brahmaputra und seinen Nebenflüssen fanden wir die Dunkle Weichschildkröte zum ersten Mal in freier Wildbahn.

Besonders in shivaistischen Tempelanlagen in Indien, aber auch in anderen südasiatischen Ländern wie Pakistan, Bangladesch und Myanmar existieren zahllose Tempelteiche, die durch geringfügige Modifikationen als Stätten für die Zucht von seltensten Schildkrötenarten Verwendung finden können. Religiöse Zentren ziehen täglich eine breite Bevölkerungsschicht an und stellen somit ideale Orte für eine breite Bewusstseinsbildung dar. Die in den Teichen vorhandenen Schildkröten werden mancherorts vom Tempelpersonal und den Besuchern verehrt. Nach unseren Erfahrungen sind die Tempelkomitees für Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Lebensbedingungen der Schildkröten in ihren Teichen sehr zugänglich und aufgeschlossen und darüber hinaus auch personell und finanziell hilfreich. In Westbengalen konnten wir durch Einbringen von Wasserpflanzen, Belüftung des Wassers, Umstellung der Fütterung und langfristiges Entfernen von Plastikmüll beachtliche Erfolge erzielen. Die anmutigen Dunklen Weichschildkröten nehmen auch unsere angebotenen Niststrände an und pflanzen sich nun jährlich fort. In weiterer Folge sind Auslasszeremonien in Schutzgebieten mit lokalen Schulen geplant. Diese Idee wollen wir nun in weiten Teilen der Region verbreiten.

Wussten Sie ...

Dinge, die Sie zu diesem Projekt wissen sollten:

Dunkle Weichschildkröte

Heute sind die „heiligen“ Schildkröten von Chittagong nicht nur regional und national bekannt, sondern gelten auch international als Touristenattraktion. Entsprechend groß ist ihre Popularität. Täglich strömt eine große Zahl von Ausflüglern und Pilgern zum Heiligtum.

Schutzmaßnahmen

Die Dunkle Weichschildkrötenart ist von der IUCN (International Union for Conservation of Nature) noch heute als „extinct in the wild“ aufgelistet.

Im Hinduismus, Buddhismus und auch im Islam werden in tempelzugehörigen Teichen unterschiedliche Schildkrötenarten ausgesetzt, gefüttert und manchmal auch verehrt und angebetet. Diese Tempelanlagen sind Anlaufzentren für eine breite Bevölkerungsschicht und haben das Potenzial, als sichere und wohlbehütete Zufluchtsstätten und Zuchtanlagen für seltene Schildkrötenarten zu fungieren.

UNSER BEITRAG

In Zusammenarbeit mit Sundance Biology und der Turtle Conservancy hat TURTLE ISLAND in Westbengalen, Indien, bereits mit großem Erfolg einen Tempelteich nach den Bedürfnissen der sagenumwobenen dunklen Weichschildkröte modifiziert. Wir sind gerade dabei, dieses großartige Modell weiter zu verbreiten.

Projektkoordinaten.

Chittagong,
Bangladesch

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Photo: Maurice Rodrigues
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